Sursee

Fotoausstellung über den Iran am Herrenrain 14, Sursee

Hanspeter Dahinden, Sursee

Georg Anderhub, Luzern

 

Hier finden Sie die Galerie mit Bildern aus dem Iran.

 

Vernissage-Rede von Silvia Strahm Bernet

„EinBlicke“

Liebe Besucherinnen und Besucher

Lieber Georg Anderhub, lieber Hanspeter Dahinden

Mit „EinBlicke“ habt ihr die Auswahl eurer fotografischen Eindrücke eurer Reisen in den Iran betitelt. Das ist vorsichtig formuliert. Zu viel versprochen wird uns nichts. Obschon der eine der beiden, Georg Anderhub, schon einige Male in den Iran gereist ist, während Hanspeter Dahinden sozusagen als Novize unterwegs war.

Die gezeigten Bilder versprechen uns also nicht das Blaue vom Himmel herab, was eigentlich wunderschön wäre, verbände sich damit nicht der Versuch, uns zu täuschen; nein, sie versprechen uns nur Blicke hinein, ins Innere, wie durch ein Fenster, den Spalt einer Tür. Wir bleiben draussen und nichts soll uns glauben machen, wir würden mehr sehen, als eine Aussensicht dessen, was gezeigt wird.

Was wir aber sehen und was man uns zeigt, ist ein sorgfältiges Sammeln und Sondieren alltäglicher Realitäten. Realitäten, die man bei uns nicht antrifft, nie angetroffen hat oder schon lange nicht mehr antrifft.

Die Bilder sind diskret. Sie protzen nicht. Ihr hättet die Schönheiten eurer

Reise in den Iran hier wie Schmuckstücke aufreihen können, ihren Reichtum aufhängen wie Perlen um einen schönen Hals. Damit sie alle sehen. Damit sie alle bewundern. Das habt ihr unterlassen. Die Gründe kenne ich nicht. Ich kann aus der Auswahl nur schliessen: ihr wolltet uns nicht die Blicke satt machen mit Bildern, die man bereits als des Sehens würdig erklärt hat.

Die architektonischen Wunder eben:

den grossen Platz von Esfahan, den Palast Hascht Behescht, dieses kleine Abbild des Paradieses – Behescht heisst ja Paradies – auch nicht die traumhaften Moscheen von Esfahan, Shiraz oder Natanz, die Villen in Kashan, den Garten des Abbasi Hotels am Abend, der uns Reisende verzauberte mit Blütenduft, persischer Musik, dem Plätschern des Wassers, letzteres wäre natürlich auch schwer auf ein Bild zu kriegen

gewesen. All das oftmals herzzerreissend Schöne habt ihr weggelassen.

Des Sehens würdig sind unendlich viele Dinge. Sagt ihr mit euren Bildern. Ihr habt sie für uns ausgewählt aus einer Fülle anderer Bilder, die ihr nach Hause gebracht habt. Es sind Bilder, die ebenso viel erzählen von Georg Anderhub und Hanspeter Dahinden, wie über die Gegenstände eurer Fotografien. Sie erzählen von eurer Neugier, eurer

Faszination, eurem Interesse, eurem Blick für Kleinigkeiten, Alltägliches,

Absonderliches, Fremdes, Symbolhaftes, Schönes, Kurioses und einfach auch Auffälliges und Augenfälliges.

Was jedoch längst nicht allen in die Augen fällt. Was einen wieder einmal auch daran erinnert, wie beinahe unendlich die Möglichkeiten sind, zu schauen und etwas wahrzunehmen – als ob es möglich wäre, die Welt wie zum ersten Mal zu sehen.

Natürlich führt ihr uns mit euren Bildern an der Hand oder an der Leine oder wie immer man das bezeichnen will. Aber nicht an der Nase herum. Es gibt hier kein heimliches Programm, kein politisches Statement, kein Urteil. Nur die Neugier auf die Vielfalt des Sichtbaren und seine darin verborgenen Geschichten.

Ihr habt es mit eurer Auswahl vermieden, das Kolossale, Prächtige und

Monumentale zu verehren, und ihr habt es ebenso vermieden, auf sein Gegenteil zu starren, auf die Armut, das Kaputte und den Schmutz.

Ihr habt sicher von allem etwas mit nach Hause gebracht. Wie wir alle, die wir den Iran schon bereist haben. Bilder der Kargheit und der Armut, der Schönheiten der Landschaften und der Städte, Erinnerungen an den Lärm und das Plätschern des Wassers. Unsere stundenlangen Busfahrten mit iranischer Musik und den vorbeiziehenden Salzwüsten, Bergen, frühlingsgrünen Hügeln.

Die Freundlichkeit der Leute, ihre Offenheit und Neugier, die vielen Gespräche, das Lachen der Schulmädchen, die oft so viel kräftiger, lebendiger schienen als die Knaben und den bei uns vorherrschenden Bildern kaum entsprachen. Wie auch die Frauen nicht, die sich nicht alle in schwarze Tücher hüllen, sondern hautenge Kleider tragen über ihren Jeans, bunte Kopftücher, die von den Haaren rutschen, sorgfältig geschminkt, oft traumhaft schön. Sogar jene Frauen, die den Tschador tragen wissen damit zu kokettieren, drapieren immer wieder neu das schwarze Tuch in einem Wechselspiel von Zeigen und Verhüllen, von Entziehen und Versprechen.

Aber das Verborgene hat viele Facetten. Einiges von dem, was wir auf den Fotos dieser Ausstellung sehen, bleibt trotz Bildlegenden voller Geheimnisse, ist fremd, lässt sich nicht entschlüsseln. Das macht ihre Faszination aus, aber es ruft auch nach Wissen, nach Kenntnissen und Information. Was die Bilder uns zeigen reicht nicht, damit wir etwas verstehen, etwas, das über den blossen Augenschein hinausgeht. Und doch möchte ich nicht bestreiten, dass die Bilder auch eine eigene Geschichte erzählen, eine Kraft haben, eine Faszination,

die nicht aufgeht in dem, was man Hintergrund, Fakten, Kontext, Information nennt.

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ – dieser Satz stimmt und er stimmt nicht. Er stimmt, denn das Bild ist eine eigene Welt, unabhängig von allen Worten, nach denen es rufen mag. Und er stimmt nicht, denn das Bild setzt etwas in Gang, etwas bricht immer aus aus der Welt des Bildes und erzählt Geschichten, erzeugt Worte, mehr als tausend ab und zu. Und ab und zu lügt es auch. Lügen kann auch das Wort, natürlich, aber trotz besseren Wissens glauben wir den Bildern, die uns die

Realität versprechen, eher und mehr.

Natürlich sind Fotografien keine Illustrationen dessen, was man auch erzählen, berichten, beschreiben könnte. Sie sind nicht die Dienerinnen des Wortes, die ihm zuarbeiten. Und doch denken wir alle die Bilder weiter, setzen sie in unsere Welt und interpretieren sie im Rahmen unseres Erfahrungsraums.

Chateaubriand hat einmal einen Satz formuliert, der mir hier zu passen scheint, auch wenn er ihn existentieller gedacht hat, eher auf das Gesamte unserer Lebensreise bezogen:

„Jeder Mensch trägt eine Welt in sich, zusammengesetzt aus all dem, was er je gesehen und geliebt hat, und in die er immer wieder zurück kehrt, auch wenn er meint, eine fremde Welt zu bewohnen und zu durchqueren.“

Mit dieser zusammengetragenen Welt reisen wir auch. Wir werfen unsere Netze aus, sehen Fremdes, setzen es neben das, was wir kennen, suchen nach den Fäden, die es halten, beim Vertrauten, beim bereits Bekannten und wir werden damit, so stelle ich es mir vor, immer weiter, stossen mit unseren Leben an immer mehr.

Aber vielleicht gelingt das ja nicht.

Das Fremde durch Fotografieren lindern, so habe ich es bei einem Reisefotografen gelesen.

Ich weiss nicht, ob das auch auf euch beide zutrifft. Lindern klingt ja nach Leiden an etwas, nach Schmerz. Und natürlich ist die Distanz, die das Fremde schafft, eine Art Schmerz. Draussen bleiben müssen. Abstand halten müssen. Sich die Dinge nicht einverleiben, nicht anverwandeln können.

Ihr habt in euren Bildern das Fremde nicht gelindert, es einfach wahrgenommen und aufbewahrt.

Ich bin mir nicht sicher, ob man mehr weiss, wenn man von einer Reise

zurück kommt. Mag sein, dass man mehr weiss, aber trotzdem weniger versteht – oder wenn man mehr versteht, dann mehr von der Komplexität. Man trägt eine Fülle von Einzelheiten, Einzelbeobachtungen nach Hause, unterlegt mit Information, und

doch wollen die Einzelheiten sich nicht mehr zusammenfügen zu dem einen Bild. So war es im Iran.

Dennoch zeigen die Bilder etwas von dem, wie es ist. Und bleiben doch eine Art Fremd-Sprache und man muss sie sehen lernen wie eine Fremd-Sprache.

Die Fotos von Georg Anderhub und Hanspeter Dahinden sind keine Dokumentation der iranischen Wirklichkeit, auch wenn sie sich mit den vielfältigen Realitäten beschäftigen.

In ihnen kommen sie nicht vor, die komplizierten Machtverhältnisse, die

Revolutionsgarden, die Korruption, die skandalösen Besitzverhältnisse, die Gewalt an Frauen, die Folter, die Arbeitslosigkeit, der weit verbreitete Drogenkonsum und Alkoholismus. Was heute im Iran geschieht, auch unter Rohani, und ja nicht erst heute geschieht –Unterdrückung, Zensur, Folter, Einschüchterung, Bereicherung, Rechtsungleichheit u.v.m. – das zu zeigen ist nicht möglich. Nicht für einen Fotografen auf Reisen.

Aber die beiden Fotografen haben uns keine Aufklärung darüber versprochen, wie es im Iran wirklich ist, vor Ort, sie haben uns nicht das Blaue vom Himmel versprochen und zeigen wollen und doch etwas mitgebracht von diesem Blau des Himmels und des Wassers, physisch erfahrbar, spirituell überall gegenwärtig – in den blauen Kacheln der Moscheen, ihren Gewölben, die den Himmel zeigen, oder zumindest auf ihn verweisen.

Himmlisches erfahren wir nicht aus dem Iran. Nicht jetzt. Jetzt schon gar nicht. Im Gegenteil. Und doch gibt es ihn, diesen Himmel. Die Menschen leben damit. Mit seinem Blau, mit seinem Versprechen. Nicht einfach jener Himmel, den die Religionen verheissen und so oft in sein grausames Gegenteil verkehren, sondern sie leben auch mit dem himmlischen Geschmack des Lebendigseins, und dem damit

verbundenen Willen und Mut, etwas anderes zu wollen als das, was zugestanden wird an Lebensmöglichkeit. Dass man für diesen Mut im Iran noch immer einen hohen Preis zahlt und dass es so viele Menschen gibt, die bereit sind, diesen Preis zu bezahlen, dem

gebührt Bewunderung und Respekt.

Eines der Bilder von Georg Anderhub möchte ich deshalb an den Schluss setzen und für diesen Schluss stehen lassen, ein Bild, das auch etwas von einem erhofften anderen Anfang andeutet:

Es ist das Bild jener jungen Frau, die am Meer steht, sie hat das Kopftuch abgezogen, und lässt es im Wind wehen. Ich erinnere mich gut an diese Frau. Es war am kaspischen Meer, auf einer gemeinsamen Reise mit Georg Anderhub. Die Frau war so was von, ich weiss gar nicht recht, wie man das sagen kann: sprühend vielleicht. Vor Energie, vor Lebenslust. Es schien mir frech zu sein, was sie tat, unverhohlen herausfordernd – denn so etwas jenseits des Erlaubten hatte ich im öffentlichen Raum so noch nie gesehen. Aber vielleicht war es einfach der Lust des Augenblicks geschuldet: dieses Spielen mit dem Tuch, das zu tragen verordnet ist. Es einfach abzuziehen genügt ab und zu, für einen kurzen Moment, um Freiheit einzufordern und auch zu fühlen. Irgendwann, so sagt es, werdet ihr uns gar nicht mehr kontrollieren können. Und es wird um viel mehr, als um dieses Stück Stoff gehen. Aber auch das ist nur eine mögliche Interpretation, denn was weiss ich schon.

Reisen sei ein Hinsehen mit Zeit, las ich im Buch eines Reisefotografen. Die Fotos der beiden Fotografen sind die Früchte dieses Hinsehens mit Zeit. Uns allen wünsche ich jetzt ebendieses Hinsehen mit Zeit, Zeit, die es braucht, um nicht nur etwas zu sehen, sondern auch etwas zu erkennen, Einblicke zu erhalten, die, heimgetragen und weitergedacht, auch zu Einsichten führen mögen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

Silvia Strahm Bernet, 24.10.2014